Der Forschungscode

Prof. Karl Ruhrberg, Köln 1997

Die gemalte Formel

Dieter Walter Liedtkes konkreter Evolutionismus erschließt dem Betrachter eine Neue
Welt. Er zeigt, wie die Materie, die bisher immer nur Gegenstand und Medium der
künstlerischen Darstellung war, ihrerseits ihre Umgebung wahrnehmen könnte. Diese
Information hat eine bewusstseinserweiternde Funktion. Der Versuch geht soweit, darzustellen,
in welchem Verhältnis der Mensch zur Materie, seiner eigenen Materie
(Atom, aber auch Universum) steht, wo sein Platz in den Dimensionen der Unendlichkeit
zu suchen ist. Die Quantentheorie sowie allgemein die neuere Atomphysik stoßen
in Bereiche vor, die sich Definitionen im klassischen Sinne der Physik entziehen. Zum
Beispiel lässt sich der Ort, an dem sich die kleinsten Teile eines Atoms zu einem
bestimmten Zeitpunkt aufhalten, nicht genau bestimmen.

Grenzen von Zeit und Ort
verwischen sich. Genaue Definitionen lösen sich auf in Unbestimmtheiten. Kleinste
Teilchen tauschen exakt zum gleichen Zeitpunkt Informationen aus, obwohl sie Millionen
von Kilometern voneinander entfernt sind. Es vergeht also keine Zeit, d.h. die
Informationen sind schneller als Licht. Es beginnt ein Nichts, nirgends und überall. Die
Nichtgesetzmäßigkeit wird zum Gesetz. Je weiter man versucht, mit wissenschaftlichen
Methoden die Natur bis zum Sein schlechthin zu ergründen, mit Signalen, die
in Bereichen operieren, die jenseits der menschlichen Wahrnehmungsmöglichkeiten
liegen, umso unfassbarer verwischen sich ihre Grenzen. Diese Unfassbarkeit wird bei
Liedtke zum Operationsfeld. Das ist seine Basis. Das Nichtdefinierbare, Unzugängliche
und Unbestimmte, das Nichtvorhandene ist das, was er in das „Heute“ holen will.
Joseph Beuys sagte „Ich bin zu dem Ergebnis gekommen, dass es keine einzige
Möglichkeit gibt, etwas für die Menschen zu tun, als aus der Kunst heraus.

Dazu brauche
ich eine pädagogische Konzeption und ich brauche eine erkenntnistheoretische
Konzeption und ich muss handeln. Also, es sind gleich drei Dinge, die unter ein Dach
gehören.“ Während J. Beuys für die Evolution seiner „Sozialen Plastik“, des gesellschaftlichen
Bewusstseins, nach den Dingen forschte, entwickelt Liedtke die gesuchte
erkenntnistheoretische Konzeption, die pädagogische Konzeption und handelt dennoch,
leitet Liedtke den fließenden Übergang von der „Sozialen Plastik“ in die konkrete
Evolution ein. Nicht das Detail scheint bei ihm wichtig, sondern die übergeordnete
Sichtweise. Diese drückt sich auch im kreativen Prozess aus, in der Art und Weise, wie
er scheinbar achtlos und intuitiv mit den Materialien umgeht. Das ist die religiöse,
metaphysische, zeitlose Ebene des Dieter W. Liedtke. Die vierte Dimension. Der Betrachter
erfährt diese philosophische Ebene aus dem ganzheitlichen Erfassen seiner
Werke. Dem Naturwissenschaftler erschließt sie eine Ebene an Informationen, die ihm
aus Liedtkes Werken neue Ansätze und Theorien für naturwissenschaftliche Versuche

und neue Erkenntniswege aufzeigen können. Man kann Liedtkes Bilder aber auch als
Schlüsselinformationen für ein erweitertes Toleranz- und Achtungsgefühl der Menschen
mit- und untereinander verstehen. Alles hier ist wichtig. Der Mensch, die Natur
bis hin zum Stein scheinen ein Teil von Liedtke selbst zu sein. Die vier Bereiche – zeitlose
Zustände, Philosophie, Naturwissenschaften und Soziologie – führen in seinen
Kunstwerken immer wieder über alles bisher da gewesene hinaus.


Prof. Niklas Luhmann, Universität Bielefeld, schreibt über Liedtke in „Entscheidungen“,1996:


„Er modifiziert und löst den Rahmen bekannter Theorien auf.
Seine neuen wissenschaftlichen Theorien sind zugleich Bedingung
und Produkt ihres eigenen Operierens. „
„...Man könnte an eine evolutionäre Errungenschaft denken,
die wenn einmal erfunden und eingeführt, sich selbst ermöglicht.
Überträgt man dieses Ergebnis auf das System der modernen Gesellschaft,
die ihre Strukturen durch Entscheidungen in Kraft und außer Kraft setzt,
dann sieht man ein Ergebnis von Evolution.”


Prof. Karl Ruhrberg
Köln